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Alltag·mit Demenz
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Erinnerungen wecken

„Erzähl doch mal von früher." Ein gut gemeinter Satz, der fast immer ins Leere geht. Nicht weil nichts mehr da wäre — sondern weil „früher" zu groß ist, um darin etwas zu finden.

Fragen Sie nicht nach dem Garten. Fragen Sie nach den Möhren.

Warum ein Gegenstand mehr öffnet als ein Thema

Ein Thema verlangt, dass jemand selbst sucht: erst die Zeit finden, dann die Situation, dann die Worte. Drei Schritte, alle anstrengend. Ein Gegenstand nimmt die ersten beiden ab. Er liegt auf dem Tisch, er ist schon da, es gibt nichts zu suchen.

Deshalb funktioniert eine alte Milchkanne besser als die Frage nach dem Bauernhof. Und eine Kaffeemühle besser als die Frage nach der Küche.

Die Reihenfolge der Sinne

Nicht alle Zugänge sind gleich stark. Von oben nach unten wird es schwerer:

Am stärksten · Riechen Geht am Verstand vorbei

Kernseife, Bohnerwachs, frische Petersilie, Kaffee, nasses Laub, Terpentin, Lavendel.

Gerüche brauchen keine Erklärung — die Reaktion kommt vor dem Gedanken.

Sehr stark · Anfassen Die Hände erinnern sich mit

Ein Waschbrett, Wollknäuel, eine Handmühle, Werkzeug, ein Stück Kordsamt, ein alter Schlüsselbund.

Stark · Hören Lieder und Geräusche

Ein Schlager von damals, ein Kirchenlied, das Ticken einer Standuhr, eine Kuhglocke.

Schwächer · Sehen und Erzählen Braucht schon eine Einordnung

Fotos, Postkarten, alte Zeitungsseiten. Gut — aber sie verlangen mehr als die drei darüber.

Warum Riechen so weit oben steht: Der Geruchssinn hat eine besonders kurze Verbindung zu den Hirnregionen, die für Gefühl und Gedächtnis zuständig sind. Das ist der Grund, warum ein Geruch einen ganzen Nachmittag von 1954 zurückholen kann, während ein Foto davon nur ein Bild bleibt.

Welche Jahre am besten erreichbar sind

Die Erinnerungen, die am längsten bleiben, stammen überwiegend aus der Zeit zwischen dem zehnten und dem dreißigsten Lebensjahr. Das ist gut belegt und hat einen Namen: Erinnerungsbuckel. In dieser Zeit passiert fast alles zum ersten Mal — die erste Arbeit, die erste Liebe, der Auszug, die Hochzeit, das erste Kind.

Rechnen Sie es einmal aus. Bei einer Frau, die 1938 geboren wurde, sind das die Jahre 1948 bis 1968. Dort liegt das Material: Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, das erste eigene Radio, Petticoat, die ersten Fernseher.

Das ist auch der Grund für „ich muss nach Hause". Wenn die inneren Jahre 1955 sind, ist „zu Hause" das Elternhaus und nicht die Wohnung, in der jemand seit dreißig Jahren lebt. Der Satz ist dann völlig richtig — nur nicht in unserer Zeitrechnung.

Was Sie sammeln können

Eine Kiste reicht. Zwölf bis fünfzehn Dinge, alle aus dieser einen Biografie.

Drei Dinge, die Sie lassen sollten

Abfragen

„Wer ist das auf dem Foto?" ist eine Prüfung, auch wenn sie freundlich klingt. Sagen Sie stattdessen selbst, wer es ist: „Das ist doch Tante Grete, guck mal, mit dem Hut." Damit ist der Druck weg und das Gespräch trotzdem offen.

Korrigieren

Wenn aus dem Bruder ein Nachbar wird und aus 1952 die Kriegszeit — lassen Sie es. Sie gewinnen mit der Richtigstellung nichts und verlieren die Erzählung. Was zählt, ist das Gefühl, nicht das Datum.

Zu viel auf einmal

Ein Gegenstand pro Sitzung. Eine ganze Kiste auf dem Tisch überfordert und macht aus dem Erinnern eine Aufgabe.

Wenn eine Erinnerung traurig macht

Das passiert, und es ist nicht schlimm. Trauer ist eine angemessene Reaktion auf einen Verlust — auch dreißig Jahre später. Bleiben Sie dabei, sagen Sie nicht „ach, denk nicht dran". Ein „Das war schwer damals, ne?" hält den Moment aus, ohne ihn zu vertiefen.

Wechseln Sie danach zu etwas Körperlichem: Kaffee holen, ans Fenster gehen, ein Lied. Nicht zu einem neuen Thema — das kommt nicht an, solange das Gefühl noch da ist.

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Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung, keine Therapie und keine Pflegeberatung. Sie beschreibt Erfahrungen aus der Beschäftigung mit Menschen mit Demenz und ist als Anregung für Angehörige und Betreuungskräfte gedacht. Bei medizinischen Fragen wenden Sie sich bitte an die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt; bei Fragen zur Pflege an einen Pflegestützpunkt in Ihrer Nähe.