Unruhe am späten Nachmittag
Der Vormittag war ruhig, das Mittagessen war schön — und dann, irgendwann zwischen vier und sechs, kippt es. Er will nach Hause, obwohl er zu Hause ist. Sie räumt Schränke aus. Es wird laut, oder ängstlich, oder beides. Und morgen wieder um dieselbe Zeit.
Wer erst eingreift, wenn die Unruhe da ist, kommt zu spät.
Was da passiert
Für dieses Muster gibt es einen Namen: Sundowning, auf Deutsch manchmal „Abenddämmerungssyndrom". Es beschreibt, dass Verwirrtheit, Unruhe und Angst am späten Nachmittag und frühen Abend zunehmen. Der Name beschreibt das Muster gut — warum es entsteht, ist nicht abschließend geklärt. Vermutet werden ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus, das nachlassende Licht und schlicht die aufgebrauchte Kraft eines langen Tages.
Für den Alltag ist die Ursache zweitrangig. Wichtig ist: Es ist vorhersehbar. Und was vorhersehbar ist, kann man vorbereiten.
Die vier häufigsten Auslöser
Jede Stunde, in der jemand sich zusammennimmt, kostet Kraft. Am Nachmittag ist sie aufgebraucht.
Schatten werden zu Gestalten, bekannte Zimmer sehen anders aus, Spiegelungen in dunklen Fenstern erschrecken.
Wer nicht mehr sagen kann „mir tut was weh", wird unruhig. Unruhe ist oft die einzige verbliebene Ausdrucksform.
Vierzig Jahre lang war das die Stunde, in der man aufbrach: die Kinder abholen, das Vieh versorgen, Schichtende. Der Körper weiß es noch.
„Ich muss nach Hause" heißt fast nie eine Adresse. Es heißt: Ich fühle mich hier nicht sicher. Deshalb hilft „Du bist zu Hause" nicht — es widerspricht dem Gefühl, statt es zu beantworten.
Was vorher hilft
Alles hier gehört in den Vormittag oder frühen Nachmittag, nicht in den Moment.
- Licht anmachen, bevor es dämmert. Nicht erst, wenn es dunkel ist — dann hat der Wechsel schon stattgefunden. Vorhänge früh zuziehen nimmt die Spiegelungen im Fenster.
- Den Tag entzerren. Arzttermine, Besuch, Einkäufe in den Vormittag. Nachmittags nichts, was Konzentration verlangt.
- Eine Ruhephase nach dem Mittagessen — dreißig bis sechzig Minuten, aber nicht länger und nicht nach fünfzehn Uhr, sonst wird die Nacht unruhig.
- Bewegung am Vormittag, möglichst draußen. Tageslicht am Morgen ist das wirksamste Mittel gegen einen verschobenen Rhythmus.
- Früher Abendbrot. Ein leerer Magen um halb fünf ist ein Auslöser, den man einfach wegnehmen kann.
- Immer dasselbe Nachmittagsritual — Kaffee zur selben Zeit, dieselbe Tasse, dieselbe Musik. Ein Anker, der nicht erklärt werden muss.
Was im Moment selbst hilft
Wenn es doch losgeht, gilt eine Reihenfolge:
- Nicht widersprechen. Diskussionen über Fakten verlieren Sie, und der Streit macht die Unruhe größer.
- Erst das Gefühl beantworten. „Du willst weg hier, ne? Das versteh ich." Dann erst weiter.
- Stimme senken, langsamer sprechen. Wer laut wird, macht laut. Wer leiser wird, zieht mit.
- Den Ort wechseln. In die Küche gehen, ans Fenster, kurz vor die Tür. Ein neuer Raum unterbricht oft den ganzen Ablauf.
- Etwas in die Hand geben. Eine Tasse, ein Handtuch zum Falten, eine Jacke zum Halten. Beschäftigte Hände beruhigen schneller als Worte.
- Mitgehen statt festhalten. Wer los will, darf loslaufen — mit Ihnen, einmal um den Block oder durch den Flur. Sehr oft ist der Drang danach weg.
Was nicht hilft: Nachrichten und laute Fernsehbilder am Abend, Besuch nach sechzehn Uhr, Kaffee oder schwarzer Tee am Nachmittag, mehrere Menschen, die gleichzeitig reden, und die Frage „Weißt du nicht mehr …?".
Wann es nicht Sundowning ist
Wenn die Unruhe plötzlich auftritt, wo vorher keine war, oder von einem Tag auf den anderen viel stärker wird, ist das kein Tagesrhythmus, sondern ein Hinweis. Häufige körperliche Ursachen sind ein Harnwegsinfekt, Schmerzen, Verstopfung, Austrocknung oder ein neues Medikament.
Rufen Sie dann die Hausärztin oder den Hausarzt an, auch wenn sonst nichts zu sehen ist. Ein Harnwegsinfekt zeigt sich bei alten Menschen oft ausschließlich als Verwirrtheit — ohne Fieber, ohne Schmerzen beim Wasserlassen.
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Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung, keine Therapie und keine Pflegeberatung. Sie beschreibt Erfahrungen aus der Beschäftigung mit Menschen mit Demenz und ist als Anregung für Angehörige und Betreuungskräfte gedacht. Bei medizinischen Fragen wenden Sie sich bitte an die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt; bei Fragen zur Pflege an einen Pflegestützpunkt in Ihrer Nähe.